Würdig und chic
23. September 2011
Eine Textilwerkstatt in der niedersächsischen Stadt Helmstedt fertigt Kirchengewänder und Altartücher an
Ricarda Schnelle probiert ihren ersten eigenen Talar an. Das schwarze Gewand fällt fast bis auf den Boden. „Die ich bisher anhatte, waren immer viel zu groß“, sagt die 25-Jährige. „Männertalare sind immer so halbe Zelte. Man sieht unmöglich darin aus.“ Schnelle dreht sich vor dem Spiegel, läuft in Schuhen mit halbhohen Absätzen hin und her. Die hat sie eigens mitgebracht, weil sie sie auch später zum Talar tragen will.
Im vergangenen Jahr schloss Ricarda Schnelle ihr Theologiestudium ab. Jetzt macht sie ein Vikariat in einer evangelischen Gemeinde in Braunschweig. Während dieser praktischen Ausbildung für angehende Pfarrer darf sie schon Gottesdienste feiern – natürlich im Talar. „Er ist dazu da, dass man von sich selbst, von der Privatperson ein bisschen ablenkt“, erklärt Schnelle. Deshalb tragen Pfarrerinnen und Pfarrer im Gottesdienst auch keinen auffälligen Schmuck. Roter Nagellack und starkes Make up sind bei Pastorinnen nicht üblich.
Ihren Talar hat Schnelle in der Paramentenwerkstatt in Helmstedt bestellt. Paramente – das sind Kleidungsstücke und Tücher, die in der Kirche verwendet werden. Das niedersächsische Städtchen Helmstedt liegt östlich von Braunschweig, dort, wo vor 21 Jahren die deutsch-deutsche Grenze verlief. Die Werkstatt hat seit 1862 ihren Sitz im evangelischen Kloster St. Marienberg, einem so genannten Damenstift. Neunzehn Frauen sind in der Paramentenwerkstatt tätig. Mechthild von Veltheim ist die Domina des Klosters. „Wir haben Handstickerinnen, Handweberinnen und eine Schneiderin“, zählt sie die wichtigsten Qualifikationen auf. Im Auftrag von Gemeinden, Museen und Privatpersonen restaurieren die Helmstedterinnen auch alte Textilien. In dieser Abteilung „sind Näherinnen, Schneiderinnen und natürlich Restauratorinnen beschäftigt“, sagt von Veltheim.
Rund 600 Euro wird Ricarda Schnelle ihr neuer Talar kosten. Für diesen Preis soll alles stimmen. Bei ihrem ersten Termin in Helmstedt wurde Schnelle vermessen und musste sich für ein Modell entscheiden. „Wir sprachen auch darüber, welche Knöpfe ich haben möchte, und ob die Tasche rechts oder links eingesetzt wird“, erzählt sie. Jetzt, etwa einen Monat später, ist das Gewand fertig. „Hier oben ist es allerdings etwas weit“, sagt die Vikarin und deutet auf ihren Hals. „Wollten Sie das enger haben?“ fragt Ute Sauerbrey. Die Leiterin der Paramentenwerkstatt berät die Kundin. Schnelle überlegt. „Ich kann eine Schneiderin holen“, sagt Sauerbrey.
Während Ricarda Schnelle mit der Schneiderin verhandelt, führen Mechthild von Veltheim und Ute Sauerbrey in den benachbarten Saal. Dort sind Talare, Chormäntel, Altartücher, Klingelbeutel und andere Paramente ausgestellt. Anhand der Muster und Modelle können sich die Kunden etwas aussuchen. Die Werkstatt ist für die katholische und die evangelische Kirche tätig. Auch Privatpersonen bestellen – etwa Taufkleider, die oft von Generation zu Generation weitergereicht werden. Jedes Stück, das hier entsteht, ist Maßarbeit. Nahezu alles wird von Hand gefertigt. Ein wertvoller Service, möchte man meinen. Doch die Werkstatt hat längst Konkurrenz bekommen. Pfarrer und Gemeinden können Paramente inzwischen auch über die Kataloge ordern, über die mehrere Unternehmen in Deutschland liefern. Diese Ware ist oft importiert und meist billiger als maßgeschneidert. „Es kamen schon Gemeinden, die von der Katalogware enttäuscht waren“, berichtet Ute Sauerbrey. „Sie lässt nichts Individuelles zu. Es sind immer wieder die gleichen Motive, die da angeboten werden.“
In Helmstedt gilt die Philosophie, dass jedes Altartuch, jeder Klingelbeutel zu der Gemeinde passen soll, die ihn bestellt. Sauerbrey fährt mit ihren Entwürfen zu den Kunden, schaut sich vor Ort um und berät. „Aus welcher Zeit stammt die Kirche? Was ist schon an Farben vorhanden, die in die Paramente übernommen werden können?“ erzählt sie. „Das können zum Beispiel Farben sein, die in den Kirchenfenstern, im Altar oder im Chorgestühl auftreten.“
Auch der Talar soll zu seinem Träger passen. Schließlich besitzt der Pfarrer ihn viele Jahre lang, verbringt viele Stunden in ihm, auch Momente, die sein Leben prägen. Die Stoffe für die Talare kommen aus Handwebereien in Deutschland, Großbritannien, Frankreich und der Schweiz. Sie sind wunderbar atmungsaktiv und knautschen nicht, sagt Mechthild von Veltheim. „Die Talare werden ja beispielsweise auch mitgenommen, wenn der Pfarrer oder die Pastorin auf den Friedhof geht. Sie müssen dann gut angezogen sein.“
Die Mitarbeiterinnen der Werkstatt haben feine Antennen für Trends. „Ich denke, dass die jungen Pfarrerinnen und Pfarrer wieder sehr bewusst sind für die Feierlichkeit, ja, die Gottesfürchtigkeit“, sagt Mechthild von Veltheim. „Entsprechend kleiden sie sich würdig.“ Turnschuhe unter dem Talar sind nach ihren Beobachtungen passé – und mit ihnen der Anspruch, jeden Tag revolutionär zu sein, sich nicht anzupassen. Ein weiterer Trend: Immer mehr Frauen studieren Theologie. Folglich gibt es immer mehr Pfarrerinnen. Auch das hat zu einem Umdenken in Bekleidungsfragen geführt.
In der evangelischen Kirche waren bis vor etwa sechzig Jahren nur Männer als Geistliche tätig. Sie trugen den so genannten preußischen Amtstalar, ein schwarzes Gewand mit unzähligen Falten, weiten Ärmeln und dem kragenähnlichen weißen Beffchen. Frauen sehen in diesem voluminösen, wuchtigen Gewand oft eher ungünstig aus. Deshalb war Mechthild von Veltheim begeistert, als sich Mitte der neunziger Jahre die Designerin Mareike Lührmann in der Werkstatt meldete und vorschlug, Damentalare zu fertigen. Rund fünf Stück verkaufen die Helmstedterinnen inzwischen pro Jahr.
Im Paramentensaal hängen die drei Modelle, die Lührmann entworfen hat. Mechthild von Veltheim beschreibt eines: „Wir haben von der Krause abgesehen und auf der linken Seite einen Reißverschluss eingesetzt. Man muss den Talar nicht über den Kopf ziehen, was bei Frauen für die Frisur wichtig ist. Dann haben wir einen kleinen Stehkragen eingesetzt.“ Einige Damentalare sind auf Figur geschnitten. Bei anderen bleibt darunter genug Platz für einen wärmenden Rollkragenpullover oder einen Babybauch. Das Beffchen fällt weg. Stattdessen kann die Pfarrerin über dem Talar eine Stola oder einen Kragen in den so genannten liturgischen Farben anlegen. Weiß passt zum Beispiel zum Weihnachtsfest oder zum Ostersonntag. Rot steht für den Heiligen Geist und wird zu Pfingsten getragen. Mit der Stola oder dem Kragen wirkt der Damentalar farbenfroher als sein schwarzes Männerpendant. Viele Menschen denken ja bei dessen Anblick an Tod und Trauer, sagt Mechthild von Veltheim: „Und eigentlich ist die Botschaft eine fröhliche.“
Als die Helmstedterinnen und Mareike Lührmann anfingen, sich mit den Damentalaren zu beschäftigen, lösten sie so etwas wie eine Revolution aus. Die Landeskirche hat ja ein Mitsprachrecht darüber, welche Talare die Pfarrerinnen und Pfarrer tragen. Es war schwierig, die Damentalare zu etablieren. „Das ist eine eklatante Veränderung, die braucht ihre Zeit“, sagt die Domina. Die Würde des Amtes dürfe nicht leiden. „Gleichzeitig wollen wir den Frauen gerecht werden.“
Im Nebenzimmer hat sich Ricarda Schnelle mit der Schneiderin verständigt. Die Halsweite ihres Talars bleibt, wie sie ist. Eventuell sollen aber noch die Ärmel gekürzt werden. Die Vikarin möchte erst einmal sehen, wie sie mit der jetzigen Länge klarkommt. Schnelle ist der Stolz auf ihr neues Gewand und auf das Amt, das sie antritt, deutlich anzumerken. Sie unterschreibt die Empfangsbestätigung für den Talar. Es ist – nein, kein Damentalar, sondern ein klassischer preußischer Amtstalar. „Wir haben nicht mehr so das Bedürfnis uns abzugrenzen“, sagt Ricarda Schnelle über sich und die vielen anderen Frauen, die mit ihr Theologie studiert haben. „Wir Frauen sind als Pastorinnen keine Minderheit mehr. Wir sehen uns gleichberechtigt mit den Männern und sind es auch.“ Die Frage „Darf eine Frau Pfarrerin werden?“ sei schon lange mit einem lauten Ja beantwortet worden.
Die Kirche, 13. April 2011