Wenn das Essverhalten gestört ist
8. Oktober 2011
Ob Magersucht, Bulimie oder Esssucht – die Uniklinik Heidelberg gibt im Internet Empfehlungen, was man dagegen tun kann. Die Nutzer bleiben anonym.
Erkranken Studentinnen und Studenten häufiger an Essstörungen als Gleichaltrige? Es ist schwierig, auf diese Frage eine Antwort zu finden. Umfragen und Studien setzen sich meist nicht ausführlich mit dem Bildungsstand der Erkrankten auseinander. Doch die Lebenssituation angehender Akademiker ist angespannt: „Wer die Schule verlässt und ein Studium beginnt, hat besonders viel Stress“, sagt die Psychologin Katajun Lindenberg. „Dadurch steigt auch das Risiko, eine psychische Krankheit zu bekommen.“ Viele Studenten richten sich an einem für sie fremden Ort ein, büffeln und jobben gleichzeitig. Wenn sich jemand nach einer übermäßigen Mahlzeit auf der Toilette einschließt und Erbrechen herbeiführt, ein Symptom der Bulimie, fällt das an einer großen Uni wohl nicht so auf wie daheim bei den Eltern. Dünne Körper gelten als erstrebenswert. Gerade Studentinnen orientieren sich stärker als ihre Mütter an einem Gewichtsideal, das nur wenige erreichen können. Viele benutzen Essen, um sich zu trösten oder zu bestrafen. „Das Essverhalten ist generell eine Bühne der Konfliktverarbeitung“, sagt Bernhard Strauß, Psychologie-Professor an der Friedrich-Schiller-Uni Jena.
Das Universitätsklinikum Heidelberg hat ein Internet-Angebot eingerichtet, das über Essstörungen informiert. Es heißt „Ess-prit.de“ und soll sogar präventiv wirken, wenn noch keine Magersucht, Bulimie oder Esssucht aufgetreten ist, eine Person aber gelegentlich Essanfälle bekommt oder zwanghaft Kalorien zählt. Bei „Ess-prit“ mitmachen kann jeder, auch ohne einen Studentenausweis, denn man registriert sich anonym. „Für viele Teilnehmer ist ‘Ess-prit’ die erste Anlaufstelle“, sagt Katajun Lindenberg, die an dem Projekt mitwirkt. „Sie haben sich bisher nicht getraut, nach Hilfe zu suchen, oder haben keine passende gefunden.“ Manche würden es auch als Zeichen von Schwäche auffassen, wenn sie nach Hilfe suchen müssen.
„Ess-prit.de“ klärt die Nutzer über Symptome von Essstörungen auf. Wer möchte, macht einen Selbsttest mit: Welche und wie viel Nahrung nimmt er zu sich? Welche Einstellung hat sie zu ihrem Körper? Das Therapeutenteam gibt Rückmeldung zu diesen anonymen Angaben. Viele Teilnehmer essen normal. Bei anderen sind die Essanfälle nur vorübergehend. Wieder andere erhalten den Hinweis, dass es wohl nötig sei, zum Psychotherapeuten zu gehen. Diese Aufforderung ist nach den Erfahrungen der Heidelberger allemal wirkungsvoller als einem Erkrankten eine Liste mit 20 Psychotherapeuten in die Hand zu drücken und ihn aufzufordern, sich einen auszusuchen. Das geschieht bisweilen, wenn sich jemand an den Hausarzt oder die Krankenkasse wendet. Essstörungen via Internet heilen – das wollen Lindenberg und ihre Kollegen nicht. Sie möchten den Weg zur Psychotherapie ebnen, sie aber nicht ersetzen.
Auch anderswo machen sich Hochschulmitarbeiter Gedanken über das Verhältnis der Studenten zu ihrem Körper: Petra Bischoff-Krenzien leitet den Hochschulsport der Uni Potsdam. Ihre und mehrere andere Hochschulen boten in einem Pilotprojekt ein Sportprogramm für Studenten an, die sonst kaum hinter dem Ofen hervorzulocken sind. Ein Laufkurs „Von Null auf 30“ Minuten sollte Studenten begeistern, die sonst nie joggen. Statt wie sonst mit maximal 50 Teilnehmern begann die Aerobicstunde für die Sportmuffel mit höchstens zehn. Ergänzt wurde das Angebot durch Gespräche über Ernährung und Abnehmen. Obwohl sich die Übungsleiter besonders Mühe gaben, war der Erfolg mäßig. Bischoff-Krenzien meint, dass manchen Sportmuffeln die Eigenverantwortung fehlt: „Sie sind noch jung. Die gesundheitlichen Probleme, die durch fehlende Bewegung und Übergewicht entstehen, machen sich meist erst später bemerkbar.“
Von diesem Sonderangebot abgesehen ist der Hochschulsport in Potsdam beliebt. Besonders gern buchen die Studenten sogenannte Gesundheitskurse, bei denen sie nicht allzu stark schwitzen, Rückschule, Yoga, Pilates, Massage. Petra Bischoff-Krenzien sagt: „Es liegt voll im Trend, die Psyche zu berücksichtigen.“ Auch das ist wohl ein Mittel, mit dem Stress an der Uni fertigzuwerden.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. August 2011
Im Studium die Puppen tanzen lassen
23. September 2011
An der Hochschule für Schauspielkunst “Ernst Busch” in Berlin lernen Studenten die Kunst des Puppenspiels. Denn das ist mehr als Kasperletheater.
Vor der Probebühne der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin herrscht kreatives Chaos. Ein Buch liegt auf dem Boden, daneben Kleidung, ein Telefon, Maiswaffeln. Die Studenten, denen das gehört, arbeiten an einem Stück. „Prometheus-Projekt“ heißt es. In hautengen Anzügen tänzeln sie über die Bühne, heben eine Leinwand hoch. Roscha A. Säidow gibt Anweisungen. Sie studiert Regie, die übrigen sind für Puppenspielkunst eingeschrieben.
Puppenspiel? Hat das nicht mit Kasperletheater zu tun, mit 16-Uhr-Vorstellungen und familienfreundlichen Stücken? Weit gefehlt, erklärt Robert Liebner nach der Probe. Er ist 23 Jahre alt und stammt aus Stuttgart. Theater spielte er schon als Schüler. Freunde machten ihn auf den Puppenspielstudiengang in Berlin aufmerksam, den sie selbst schon mit Erfolg belegt hatten. „Man muss sich gegen das Kasperletheater wehren“, sagt Liebner provokant und begründet seinen Berufswunsch: „Puppenspiel ist eine zeitgenössische Ausdrucksform, die sich viel mit Körper und Bewusstsein beschäftigt: Wer bin ich? Was ist der Mensch? Wie kann er sich abgrenzen – etwa von künstlicher Intelligenz?“ Liebner erläutert es anhand des „Prometheus-Projekts“: „Da ist die Leinwand eine Art Puppe.“ Die Darsteller heben sie an Schläuchen hoch, während gleichzeitig mehrere Videos darauf projiziert werden. Dadurch entsteht der Eindruck eines Gesichts mit drei Augen und einem Mund. „Wir haben schon während der ersten Probe gemerkt, dass die Leinwand ein Eigenleben entwickelt“, sagt Franziska Dittrich. Sie ist ebenfalls 23 Jahre alt.
Einige von ihnen sind weitgereist, stammen aus Israel, Südkorea, Argentinien, Frankreich. Wer sich für Puppenspielkunst einschreibt, hat in der Regel erste Theatererfahrungen gesammelt, etwa in einer Amateurtruppe. Franziska Dittrich verbrachte ihr Freiwilliges Soziales Jahr in der Abteilung Theaterpädagogik am Theater Junge Generation in Dresden. „Die Puppenspielsparte hat mich sofort angefixt“, sagt sie. „Pure Schauspielerei – das wäre nichts für mich.“ Sie habe eher nach einer Verknüpfung von darstellender und bildender Kunst gesucht. Lebloses Material in ein Stück oder einen Film zu integrieren, das ist für Dittrich und für viele andere der Reiz des Puppenspiels. Da werden Köpfe über die Bühne getragen, kriegt ein Darsteller ein drittes Bein, kann ein anderer den Bauch einer Puppe öffnen und etwas herausnehmen. „Man kann kann Dinge extremer, provokanter sagen als mancher Schauspieler“, sagt Hans-Jochen Menzel, Professor für Puppenspielkunst.
Franziska Dittrich ist es gewohnt, dass Menschen sie ungläubig anstarren, wenn sie von ihrem Beruf erzählt. „Kann man das denn studieren?“, fragen viele. Den Studiengang an der Hochschule für Schauspielkunst gibt es seit 1971. Auch in Stuttgart wird eine Ausbildung angeboten. Sie ist stärker darauf ausgerichtet, dass die Studenten die Puppen bauen. „Hier in Berlin beschäftigen wir uns mehr mit Dramaturgie, tauchen wir mehr in die Geschichten ein“, begründet Robert Liebner seine Entscheidung für die Hauptstadt. Die Arbeit auf der Bühne erfordert Geschick und Körperbeherrschung. Der Puppenspieler bewegt nicht nur die Gliedmaßen und Gesichtszüge der Puppe. Er kann viel mehr – steht in manchen Stücken sichtbar auf der Bühne, moduliert seine Stimme, damit sie der Puppe entspricht. Zur Ausbildung gehören daher Schauspiel und Gesang, Pantomime, Akrobatik, Animationsfilm.
Und später? Franziska Dittrich will vielleicht ihre eigene Company gründen, sich auf Kulturfestivals umschauen, wo wichtige Kontakte geknüpft werden. Viele Studenten fassen schon vor dem Examen Fuß in einem Theater – oder haben, wie Robert Liebner, den passenden Nebenjob. Er war Synchronsprecher und in Werbespots zu hören. „Die meisten Absolventen arbeiten tatsächlich als Puppenspieler“, sagt Hans-Jochen Menzel. Er erzählt von Jörg Teichgraeber, der „Bernd das Brot“ spielt und spricht, eine Figur des Kinderfernsehkanals KIKA. Viele Absolventen sind Freiberufler, leben von Projekt zu Projekt. Manche wirken an Musikvideos mit oder lassen sich als Schauspieler engagieren. Robert Liebner steht eine lebenslange Suche nach neuen, kreativen Wegen bevor. Das findet er spannend: “Existenzangst habe ich nicht.“
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. Juli 2011