In Jugendwerkhöfen versuchte die DDR, 14- bis 18-Jährige auf Linie zu bringen. Besonders brutal ging es in Torgau zu. Auch Heidemarie Puls wurde hier gequält. Jetzt erhalten die Opfer Hilfe.

Erschienen auf zeit.de.

Das Gedächtnis der Nation

16. Oktober 2011

Im Internet öffnet ein Portal für Zeitzeugenberichte deutscher Geschichte

Unsere Geschichte. Das Gedächtnis der Nation“ ist ein neues Online-Archiv. Es bewahrt persönliche Erinnerungen an mehr als 100 Jahre deutscher Geschichte auf und macht sie der Öffentlichkeit zugänglich. Nicht nur Prominente wie die Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt und Helmut Kohl sind darin vertreten, sondern auch die sogenannten kleinen Leute. Jeder kann sich als Zeitzeuge interviewen lassen und dem gemeinnützigen Projekt seine Berichte zur Verfügung stellen. Das Archiv soll Schülern, Studenten, Wissenschaftlern, Journalisten dienen – und jedem, der sich für die Vergangenheit interessiert.

Seit dem 6. Oktober ist das Archiv online. Auch auf dem Internet-Videoportal Youtube ist ein Kanal eingerichtet worden. Das Archiv enthält jetzt schon etwa 1.600 Interviews aus den Beständen des ZDF. Sie sollen fortlaufend ergänzt werden. Bis zum 2. Dezember fährt außerdem der „Jahrhundertbus“ durch Deutschland. Vier Journalisten und ein Kamerateam wollen weitere Zeitzeugen befragen. Diese können sich spontan vor Ort oder nach einer Terminabsprache über die Webseite befragen lassen. Die Gespräche sollen sich zunächst auf zwei Themen konzentrieren: Erinnerungen an den Widerstand gegen das Hitler-Regime und Erlebnisse während der deutschen Teilung und nach der Wiedervereinigung. Später sollen weitere Themen folgen. Von der Kaiserzeit bis zur Eurokrise will das Projekt alle Kapitel deutscher Geschichte abdecken, für die es noch Zeitzeugen gibt – auch Alltag, Kultur und Sport. Es widmet sich auch Themen, über die es bislang kaum Zeitzeugenberichte gibt. Dazu gehört etwa die Einwanderung nach Deutschland.

Der Publizist Professor Guido Knopp vom ZDF und Stern-Redakteur Hans-Ulrich Jörges sind die Initiatoren des Projekts. Sie begannen schon 2006 mit der Arbeit daran. Die Schirmherrschaft hat Bundespräsident Christian Wulff übernommen. Knopp und Jörges sind nun Vorsitzende des gemeinnützigen Vereins „Unsere Geschichte. Das Gedächtnis der Nation“, der hinter dem Online-Archiv steht. Die Interviewer und Rechercheure, die für das Projekt tätig sind, können auf den Sachverstand eines hochkarätig besetzten wissenschaftlichen Beirats zurückgreifen. Unterstützung kommt ferner von Google, das die technische Plattform zur Verfügung stellt, und von Medienpartnern und Sponsoren aus der Wirtschaft. Vom Staat hat das „Gedächtnis der Nation“ bislang keinen Cent erhalten. Jedoch hat es das Wohlwollen von Kulturstaatsminister Bernd Neumann. Er war am 6. Oktober in Berlin dabei, als das Online-Archiv vorgestellt wurde. „Gerade für junge Leute sind Zeitzeugenberichte eine hervorragende Möglichkeit, sich der Geschichte zu nähern“, sagte Neumann.

Das Gedächtnis der Nation“ folgt der Idee der Shoah Foundation des US-amerikanischen Regisseurs Steven Spielberg. Diese sammelt seit 1994 Erinnerungen von Überlebenden des Holocausts. Schon seit den neunziger Jahren hätten auch Mitarbeiter des ZDF überlegt, wie sie Berichte über die schlimmsten Jahre der deutschen Geschichte für die Nachwelt bewahren könnten, sagte Guido Knopp. Ihm sei rasch klargeworden, „dass es nicht ausreicht, 30 bis 40 Zeitzeugen vor die Kamera zu bringen.“ Die Erinnerungen tausender anderer Menschen an den Holocaust wären bald unwiederbringlich verloren gegangen.

Das Projekt will ausdrücklich jeden ansprechen, der meint, etwas Interessantes über die deutsche Vergangenheit erzählen zu können. Auch Menschen, die während der NS-Zeit zu Tätern wurden oder in der DDR leitende Positionen inne hatten, sollen sich äußern. Die Redaktion wird alle Berichte vor der Veröffentlichung auf die sachliche Richtigkeit prüfen und Beiträge aussortieren, in denen jemand gegen andere hetzt oder radikale politische Ansichten vertritt. Berichte über Gewalt, etwa über die Vergewaltigungen deutscher Frauen gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, sollen so aufbereitet sein, dass auch Jugendliche sie ansehen können.

Schon jetzt enthält das Online-Archiv packende Schilderungen. Eine alte Dame erzählt, wie sie 1943 als Studentin an der Münchner Uni ein Flugblatt der Widerstandsgruppe „Die weiße Rose“ fand. Eine Berlinerin erinnert sich an die Nacht der Maueröffnung. Auch für weniger spektakuläre Ereignisse gibt es Zeitzeugenberichte. In die wichtigsten Kapitel der deutschen Geschichte führt jeweils ein kurzer Filmbeitrag ein. Darüber hinaus findet der Nutzer der Seite jeweils rund einstündige Interviews mit „Jahrhundertzeugen“. Dazu gehören der FDP-Politiker Hans-Dietrich Genscher, der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, der Schriftsteller Stefan Heym und die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich.

In ein weiteres Segment des Online-Archivs können Nutzer ihre eigenen Interviews mit Zeitzeugen einstellen. Jeder, der möchte, kann also vor einer Kamera seine Großmutter befragen und den Film hinterher im Internet hochladen. Die Redaktion wird ihn ebenfalls vor der Veröffentlichung überprüfen. In den kommenden Wochen wird sie sich wohl viel mit DDR-Geschichte befassen. Der „Jahrhundertbus“ ist bis November in Ostdeutschland unterwegs. „Wir haben noch große Lücken in der Wahrnehmung der DDR-Geschichte“, sagte Hans-Ulrich Jörges.

Die Tagespost, 8. Oktober 2011

 

Robert Liebscher ist mit 30 Jahren schon Zeitzeuge. Er führt durch die Gedenkstätte Berliner Mauer.

Robert Liebscher stammt aus Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz. Er war vielleicht sechs Jahre alt, als er eines Abends bei seiner Großmutter die „Aktuelle Kamera“ sah. So hieß die Nachrichtensendung des DDR-Fernsehens, die zum größten Teil aus Propaganda bestand. Man schrieb das Jahr 1987. In West-Berlin, so teilte der Sprecher dem Publikum mit, sei es zu „faschistischen Unruhen gekommen“. Ein Bild, das neben dem Mann eingeblendet war, zeigte eine Karte der geteilten Stadt. Die DDR-Hauptstadt war durch eine dicke Linie vom Westen abgeteilt: die Mauer. Es war wohl das erste Mal, dass Robert Liebscher das Wort „faschistisch“ hörte. Er begriff instinktiv, dass das etwas Gefährliches ist. „Ich sagte zu meiner Großmutter: ‘Oh, wie gut, dass die nicht zu uns rüber kommen können!’“, erinnert er sich. Die Propaganda hatte ihr Ziel erreicht: Der kleine Junge fühlte sich geschützt. Daran, was seine Großmutter antwortete, erinnert sich Robert Liebscher nicht mehr.

Vierundzwanzig Jahre später steht der Geschichtsstudent mit der dunklen Hornbrille an der Bernauer Straße und begrüßt Schüler aus dem Rheinland. Die Gymnasiasten sind auf Studienfahrt – die Gedenkstätte Berliner Mauer ist ein Programmpunkt von vielen. Liebscher führt sie auf dem Gelände herum. Solche Touren übernimmt er sechs, sieben Mal pro Woche – auch in Englisch. Die Gedenkstätte bezahlt ihn als Honorarkraft. Liebscher deutet auf ein freie Fläche, ungefähr 500 Meter breit. Der ehemalige Todesstreifen. „Er ist sonst in der Stadt kaum an einem anderen Ort erhalten worden“, erzählt er.

Vor fünfzig Jahren, am 13. August 1961, ließ die DDR-Führung in Berlin die Grenze zwischen der DDR-Hauptstadt und den West-Sektoren absperren. In den ersten Tagen standen Polizisten, Soldaten und die Kampfgruppen, eine paramilitärische Organisation, die den Betrieben angegliedert war, an der Grenze Wache. Später wurde die Mauer hochgezogen, wurden die Sicherheitsvorkehrungen weiter verschärft und auf den neuesten Stand der Technik gebracht. Unter der Aufsicht von Uniformierten mussten Bauarbeiter Fenster und Türen der Häuser unmittelbar an der Grenze zumauern. Trotzdem, so erzählt Liebscher den Schülern, seien weiter Menschen in den Westen geflohen. „Als die Fenster in der ersten Etage der Häuser zugemauert waren, sprangen sie aus dem zweiten Stock“, sagt er. „Als die zweite Etage zu war, gingen sie in die dritte – und so fort.“ Auf der anderen Seite standen West-Berliner Feuerwehrleute mit Sprungtüchern. Die Flucht gelang nicht immer: Wohl 136 Flüchtlinge sind bis 1989 an der Berliner Mauer getötet worden. Hinzu kommen die DDR-Bürger, die auf anderen Wegen versuchten, in den Westen zu gelangen. Manche schwammen von der DDR-Küste auf der Luftmatratze nach Dänemark. „In Berlin starben auch Kinder“, erzählt Liebscher. Sie wohnten im Westen, fielen beim Spielen in Wasserläufe, an denen Grenze verlief. Niemand wagte einen Rettungsversuch, weder die West-Berliner Anwohner, noch die DDR-Grenzer. „Jeder hätte sofort erschossen werden können – auch die DDR-Soldaten, wenn sie ins Wasser gesprungen und in Richtung Westen geschwommen wären.“

Für die meisten Gymnasiasten sind diese Geschichten neu. Über die Mauer haben sie in der siebenten Klasse gesprochen, haben gemeinsam Thomas Brussigs Roman „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ gelesen. Es schildert aus Ost-Berliner Sicht das Leben von Jugendlichen im Schatten der Mauer. „Was das Vorwissen der Schüler anbelangt, gibt es große Diskrepanzen“, sagt Dirk Kingerske, der Lehrer, der auch Geschichte unterrichtet. Wer dieses Fach als Leistungskurs gewählt habe, sei oft recht gut mit den Fakten vertraut. Die es abgewählt haben, wüssten viel weniger. Kingerske erzählt im Unterricht auch seine eigene Geschichte: Er ist Jahrgang 1972, unterhielt vor dem Fall der Mauer rege Kontakte zu Cousins und Cousinen in der DDR. Sie tauschten Schallplatten. Kingerskes Vater war 1952 in den Westen gegangen. „Er verbot mir, in die DDR einzureisen“, erinnert sich Kingerske an seine Jugendzeit. „Er hatte Angst, dass mir etwas zustoßen könnte.“ Erst 1990 sei er das erste Mal in die DDR gefahren, berichtet der Lehrer.

Robert Liebscher hat die Schulklasse inzwischen weiter geführt, an dem ehemaligen Wachturm vorbei und den Eisenstangen, die den Verlauf der Mauer zeigen. Ob die Menschen, die eine Flucht planten, nicht Angst vor der Stasi hatten, fragt ein Schüler. „Die meisten vertrauten sich nicht einmal ihren engsten Freunden an“, antwortet Liebscher. „Sie wollten sie schützen. In der DDR galt es als Straftat, von einer geplanten Flucht zu wissen und sie nicht zu melden.“ Er redet schnell – so viel wie möglich will er in den sechzig Minuten unterbringen. Er mag seinen Job, die Tatsache, dass er im Herzen der Weltstadt über ein Thema reden kann, dass manchen Besucher eine Gänsehaut bringt oder sogar Tränen in den Augen treibt. Der Ansturm auf die Gedenkstätte ist immens: Im Jahr 2001 besuchten sie 67.000 Menschen, 2010 eine halbe Million. Die Gedenkstätte im ehemaligen Stasi-Untersuchungsgefängnis in Berlin-Hohenschönhausen und verschiedene Gedenkstätten, die an die Nazidiktatur erinnern, verzeichnen eine ähnlich starke Nachfrage. Laut einer Studie kommen rund 70 Prozent der Berlin-Touristen in die Stadt, weil sie sich für Zeitgeschichte interessieren.

Der Historiker Axel Klausmeier leitet die Gedenkstätte Berliner Mauer. Er weiß, dass viele Besucher nur wenig Detailwissen über deutsche Geschichte mitbringen. Das gilt für Menschen aus den alten und aus den neuen Bundesländern und für Ausländer gleichermaßen. Axel Klausmeier kann gut damit leben. „Man muss nicht wissen, wer Walter Ulbricht und Erich Mielke waren“, sagt er. „Viel wichtiger ist uns das Grundverständnis für Demokratie.“ Zu erfahren, wie der Alltag in einem Staat aussah, der Meinungsfreiheit nicht vorsah. Sich vorzustellen, wie es war, wenn jedes Telefongespräch in den Westen kontrolliert wurde. Darüber nachzudenken, wie es sich lebte, wenn man wegen seiner Vorliebe für westliche Musikgruppen von Lehrern und anderen Autoritätspersonen schikaniert wurde. „Viele junge Besucher sind betroffen, wenn sie etwa die Biografien der Tunnelbauer kennen lernen“, berichtet Klausmeier. „Sie sehen: Die waren so alt wie wir jetzt – und sie wollten nichts anderes als ihre Frau und ihr Kind zu sich holen.“ Axel Klausmeier sieht im Fall der Mauer „ein Signal der Hoffnung“, das bis heute spürbar sei: Aus Nordafrika etwa würde man jetzt besonders nach Berlin schauen – darauf, dass eine Demokratiebewegung siegte, „ohne dass hier ein Schuss fiel.“

Robert Liebscher hat seine Führung beendet. Er ist in einem Café und erzählt. Drei Monate vor dem Fall der Mauer, im Sommer 1989, zog die Familie aus Karl-Marx-Stadt in einen Ost-Berliner Plattenbau-Bezirk. Am 11. November 1989 ging der Junge mit seinen Eltern zum ersten Mal über die nun offene Grenze. Er staunte – über die DDR-Bürger, die am Übergang ewig Schlange standen, ohne zu murren, über die Auslagen in den Gemüseläden und die bunten Lichter in einer Einkaufspassage. Seine Familie, so erzählt Liebscher, hätte der DDR keine Sekunde lang nachgetrauert und den neuen Teil der Stadt voller Neugier erobert.

Jetzt ist er mit seinen 30 Jahren Zeitzeuge – und muss sich mitunter auch mit Vorurteilen und Klischees auseinander setzen. Da kommen Besucher, die infrage stellen, dass es jemals einen Schießbefehl an der Grenze gegeben hat. Andere wiederum unterstellen den Ostdeutschen, dass sie die Demokratie nicht wertschätzen – völlig zu Unrecht, findet Robert Liebscher. Wieder andere möchten unbedingt erzählen, was sie einst bei der Einreise in die DDR erlebten. „Kaum ein anderer Ort in Berlin regt die Besucher so sehr dazu an, über ihr eigenes Leben zu berichten“, sagt Robert Liebscher.

Die Tagespost, 21. Juli 2011